Unsere ganze innere Welt ist Realität, vielleicht sogar realer als die sichtbare Welt Marc Chagall
Quintessenz - Die Wandlungen
Ich hoffe als Verfasser dieser Darstellung der fünf Wandlungen, häufig werden sie auch beschrieben als die fünf Elemente, daß Sie, liebe Leserinnen und Leser, ihre Freude bei dem Betrachten haben. Die Zusammenhänge dieser Strukturen, oft hinter den vielfältigen Erscheinungen und Symptomen im alltäglichen Leben verborgen, sind faszinierend.
Ich habe seit vielen Jahren bei meiner Aus- und Weiterbildung und dann selber als Lehrer und Therapeut unter Kollegen viele Erkenntnisse sammeln dürfen, die mir das Leben in seiner Vielschichtigkeit und dabei in seiner Gleichzeitigkeit näher brachten. Es sind solche Erkenntnisse dabei, die ohne viel Aufhebens daherkamen und nicht von einer theoretischen Natur, sondern in ganz praktischen, alltagstauglichen Dingen umsetzbar waren. Diese Umsetzbarkeit zeigt sich auch bei der Begleitung von Patienten oder bei Lernenden, die sich an die Vorstellungswelten der chinesischen Medizin heran tasten.
Aufgrund der Naturbeobachtung entwickelte sich in China über Jahrhunderte die Beschreibung der 5 Phasen. Das Frühlingsprinzip steht für Holz, die Qualität des Sommers steht für Feuer, die Eigenschaften des Herbstes stehen für Metall, die Atmosphäre des Winters steht für Wasser und spezifische Merkmale der Übergangszeiten stehen für Erde. Durch das Sichtbarwerden solcher Strukturen erweisen sich viele Dinge im Leben, die zunächst unverbunden erscheinen, aus einer anderen Perspektive als Teile eines größeren Zusammenhangs.
So spiegelt sich das Frühlingsprinzip in den Organen Leber und Gallenblase wieder, in der Tageszeit des jungen Morgens und des Vormittages und als Aktivitätspotential im kreativ- und dynamisch bewegt Sein, welches thermisch wiederum zu einer Erwärmung führt. Dieses Geschehen des sich entfaltenden Lebens ist leicht mit dem Sonnenlauf in Verbindung zu sehen. Bei einer Störung dieser Dynamik kann es dann statt der aufsteigenden Aktivität zu aufbrausender Gereiztheit kommen, mit später cholerischen (gr. chole= Galle) Ausbrüchen oder je nach Intensität einer Hemmung zu Frustration und Melan-cholie. Von der Ernährungslehre her kann solch ein Zustand dann z.B. mit neutralisierenden und thermisch kühlenden Nahrungsmitteln oder Kräutern begleitet werden. Genauso berechtigt in einem pulsierenden Lebensrhythmus ist der Impuls nach ruhig sein, Zurückgezogenheit und Stille.
Das Beschäftigen mit diesem Modell bekommt für immer mehr Menschen einen sinnfindenden Charakter. Die Motivationen dazu sind vielfältig und reichen vom zufälligen Hineinstolpern bis hin zur Auseinandersetzung mit sinnentleerten Lebensvorstellungen und Naturentfremdung oder dem aktiven Begegnen wollen von Krankheiten oder stagnierenden Lebensmustern. Glückt dieser Versuch, so fühlen sich diejenigen durch konkrete Handlungsmöglichkeiten oder dem sich bloßen Wiedereinordnen in einen größeren Zusammenhang bereichert.
Auf den ersten Blick geht es in der Graphik eher chaotisch als linear zu, aber in einer eigensinnigen Ordnung. So sind die einzelnen Zuordnungen nur innerhalb ihres Segmentes, wie ein Yin im Verhältnis zu dem dazu gehörenden Yang, also in ihrer relativen Bezogenheit untereinander zu betrachten. In der Legende ist dies beschrieben. Die Zuordnungen beziehen sich auf eine körperliche, emotionale, mentale oder geistige Ausrichtung, ebenso wie es Zuordnungen zum Lebensstil, zu Drogen, zur Ernährung, zum Entwicklungspotential und zu Redewendungen gibt.
Ich hoffe, daß es mir dabei gelungen ist, dieses komplexe und vernetzte System in einigen Aspekten darzustellen. Es geht mir bei meiner Beschäftigung damit auch um ein systemisches Begreifen und eben auch selber immer wieder davon Ergriffen - Sein. Die Erkenntnis da heraus könnte sein, daß der Mensch hineingeworfen ist in ein so vielschichtiges Leben und selber in seiner Innenwelt ebenso vielschichtig angelegt ist, wie es in vielen gegenwärtigen Modellen nicht wiedergegeben wird. Das Verständnis, wie und was der Mensch ist, in Wissenschaft, Politik und Erziehungswesen, hat immer weitreichende Konsequenzen und führt zu Handlungen innerhalb des jeweiligen Glaubens.
Mir scheint in dem kleinen Ausschnitt des alltäglichen Lebens, in denen ich in Praxis und Unterricht mit der Begleitung von menschlichen Angelegenheiten betreut bin, mit den fünf Wandlungen ein sinnvolles und ergänzendes Modell an der Hand zu haben. Mir geht es dabei nicht um endgültige oder sogar verallgemeinernde Aussagen, sondern um eine mitmenschliche Kultur. Bei all dem Fortschritt in Teilbereichen der Medizin und der psychologischen Betreuung, fühlen sich dennoch viele Patienten nicht verstanden, verlassen und isoliert.
Eine literarische Begleitung zu der Graphik mit dem Titel Die Wege der fünf Wandlungen wird voraussichtlich Ende 2006 erscheinen. Es wird darin von der ursprünglichen und undifferenzierten Einheit (Wu Chi) zu der Polarität (Yin Yang) und der sich aus dieser Spannung ergebenden Vitalität (Qi), hin zu den 5 Wandlungen führen, dann weiter zu den 12 Meridianen und den unendlichen Erscheinungsformen (10 000 Dinge).
Das Begleitbuch wird Kommunikationsstrukturen behandeln, wie den Yin-Yang-Zyklus, auch Bruder-Schwester-Zyklus genannt, den Entstehungs- oder Fütterungs-Zyklus, den Erschöpfungs- oder Auflehnungs-Zyklus, den Kontroll- oder Bezwingungs-Zyklus sowie den Verletzungs- oder Beschämungs-Zyklus. Ein sich im günstigen Falle selbst regulierendes und ausgleichendes System (kybernetisches Modell) wird sichtbar. Dabei geht es um ein nicht isoliertes, sondern um ein mit der Umwelt in Kontakt und Austausch tretendes System.
Es wird bei jedem Segment mehr zum Inhalt beschrieben werden, welches aus plakativen Gründen sehr reduziert wurde. Dabei wird zum Beispiel auch ersichtlich, daß ich Tiere aus verschiedenen Zuordnungen wählte, (daoistisch, Shaolin, Feng Shui und astrologisch). Die zum Teil wenig bekannten Zuordnungen werden erläutert und mit weiterführenden Literaturangaben und Quellenverweisen versehen.
Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Wilfried Rappenecker, Arzt und Leiter der Schule für Shiatsu in Hamburg, Mitbegründer der Gesellschaft für Shiatsu in Deutschland. Ebenso geht mein Dank an Claude Diolosa, Leiter von Avicenna, Institut für Traditionelle Naturheilkunde in Frankreich. Ohne diese beiden Lehrer wäre mein Wissen zu den Wandlungen ein nur abstraktes geblieben. Den Zugang zu der Östlichen Philosophie und deren praktische Bezüge in unsere Europäische Kultur hat mir Dr. Christel Proksch, Taiji und Qigong-Lehrerin in Bremen, ermöglicht. Mit den sich da heraus so wohltuenden Haltungsänderungen zum Menschsein und zum Leben hat sich mein Horizont beträchtlich erweitert.
Zu meiner Person: Jahrgang 1963. Als Heilpraktiker bin ich seit zehn Jahren in eigener Praxis in Hamburg tätig und gebe Seminare sowie wöchentlich aufbauende Kurse. Ich arbeite als Therapeut und Lehrer mit Taiji, Qigong und Shiatsu sowie mit Beratungen für Gesundheit, Haltung und Bewegung. Seit 14 Jahren habe ich Lehrerfahrungen an der Universität Hamburg und bei Fachfortbildungen und Kongressen im Gesundheitsbereich. Mitglied seit Gründung im Förderkreis für Ganzheitsmedizin in 1989, Mitbegründer des Netzwerkes für Taijiquan und Qigong in 1989, Mitglied seit Gründung in der Gesellschaft für Shiatsu in 1992. Sechs Jahre Weiterbildung in Gesprächsbegleitung am Institut für Individual Systemik in München. Bei entsprechenden Anfragen bin ich bundesweit tätig.
Im Folgenden ist eine kurze Einführung aus dem geplanten Begleitbuch sowie das Beschreiben zum ersten Segment der Graphik wiedergegeben. Das Begleitbuch wird auch als Patientenratgeber zu verwenden sein.
Vitalität Die Gezeiten einer Meeresströmung und die Strömung eines Flusses sind etwas reales. Es kann dieser Bezug helfen, sich das abstrakt fernöstliche Vorstellungsbild heranzuholen.
Es gibt Pfade oder Strömungsbecken in unserem Körper, die konzentrierte Vitalität transportieren oder beinhalten. Dieses Strömungsnetz ist nicht identisch mit einer Struktur oder einem Gewebe aus der uns bekannten Medizin. Es gibt aber Überschneidungen, etwa mit den verzweigten Nervenbahnen und dem damit korrespondierenden Hormonsystem, den zuführenden und weiterleitenden Gefäßen des Herzens, dem Strömungsbereich der Lymphe, den Verläufen von Muskeln, Sehnen und Bändern sowie mit der Struktur der Knochen, die durchpulst sind vom fließenden Etwas.
Nun gibt es in der asiatischen Vorstellungswelt und damit in deren Realität, die Möglichkeit mit einer Mischung aus Gelassenheit und Konzentration Einfluß zu nehmen auf eben diese Vitalität. Entweder über QIGONG - oder TAIJI-Bewegungen direkt bei sich selber oder über die Hilfe eines Therapeuten mit AKUPRESSUR, AKUPUNKTUR, SHIATSU, TUINA oder REFLEXZONENTHERAPIE. Ein wesentlicher Bereich in der asiatischen Medizin stellt auch das Verabreichen von KRÄUTERN dar, sowie mögliche Empfehlungen zur ERNÄHRUNG. Dann gibt es noch die Lebensphilosophien mit dem gesammelten Kulturangebot aus vielen Jahrtausenden.
Es geht bei all dem um das Erhalten und um das Lenken von Vitalität.
Die Therapeuten nutzen für Diagnose und Therapie verschiedene Modelle der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM): Das Modell der acht Prinzipien, das Modell der inneren Organe, das Modell gemäß Qi, Blut und Körperflüssigkeiten, das Modell der pathogenen Faktoren, das Modell der Meridiane und das Modell der Syndromdiagnostik und der Muster gemäß den sechs Schichten, gemäß den vier Schichten und gemäß den drei Brennkammern. Das Modell der fünf Wandlungsphasen wird dabei mal mehr, mal weniger eingesetzt. Dafür gibt es gute Gründe.
Es verwundert dabei nur, daß Therapeuten der TCM dem Patienten öfter noch in einem Fachchinesisch oder Schweigen begegnen, obwohl sich in greifbarer Nähe ein gut zugängliches Erklärungsmodell befindet, welches viele Therapeuten in ihrer Ausbildung durchlaufen und gelernt haben.
In dieses lassen sich relativ häufig Vorgänge der Krankheit und Wege der Heilung individuell aufzeigen. Auch wenn es nach anderen Leitkriterien erstellte Diagnosen sind, die dann übersetzt werden, kann dieses eine wichtige Orientierung für den Patienten selber sein. Ein sich auf diese Weise näher kommen, im Erkennen der einem innewohnenden Kräfte und den damit verbunden notwendigen Ausgleichsbewegungen, kann eine Heilung sehr unterstützen.
Wenn aber Schlußfolgerungen aufgrund eines Modells dahingehend benutzt werden, daß die Erklärungsebene unklar wird, oder das Verallgemeinerungen eintreten, dann wird es gefährlich. Der gesunde Verstand, eben die praktische Intelligenz (der Erde), die dem Leben und dem Menschsein zugewendet ist, sollte Orientierung bleiben.
Meridian ist die Bezeichnung für einen Strömungsabschnitt aus dem Strömungsnetz, welches den Menschen von der Tiefe bis an die Oberfläche mit Vitalität versorgt. Ein Meridian kann auch mit einem Pfad oder einem Flußbett verglichen werden oder mit der Linie eines Gewebes. Bei der Namensgebung der 12 klassischen Meridiane handelt es sich um komplexe Funktionskreisläufe, deren Qualitäten in vielen Bereichen wirksam sind.
Es ist wichtig, das jeweils dabei assoziierte Organ erst einmal aus einem nur westlich physiologischen Zusammenhang herauszunehmen. Leider wird hier zuwenig, auch von Therapeutenseite darauf geachtet und so kommt es zu Verwirrungen, die unangenehme und auch hemmende Folgen bei Patienten haben können. Wenn z. B. bei jemandem eine Behandlung des Magenmeridianes bei verschiedenen Symptomen geholfen hat, so ist es nicht richtig, mit einem logisch kausalen Umkehrschluß zu behaupten, der Magen als Organ sei vorher nicht in Ordnung gewesen. Diese Art des Denkens erlebe ich noch häufig.
Nach der asiatischen Vorstellung von energetischen Zusammenhängen gilt, daß das Qi = die Lebenskraft, der Wahrnehmung und der Absicht des betreffenden Menschen folgt.
So ist besonders in einem eventuell therapeutischen Machtgefälle darauf zu achten, daß sich nicht unnötige Befürchtungen mit vielleicht tiefen Ängsten eines Patienten verbinden. Die Auswirkungen solcher Zusammenhänge sind aus vielen klinischen Untersuchungen hinlänglich bekannt geworden und auch in der Literatur über z.B. Placebo-Effekte, Auswirkungen von erstellten Diagnosen (self-fullfilling prophecy) und über die Kraft von Gebeten und Meditationen bei Krankheit nachzulesen.
Die Meridianzeiten zeigen den Weg der Flutwelle, mit der neben der Grundversorgung dem betreffenden Funktionskreislauf verstärkt Energie angeboten wird. Nun bedeutet eine solche Maximalzeit nicht immer, daß das betreffende Organsystem dort seine maximale Leistung aus westlich physiologischer Sicht hat. Wieder ist es ein lineares Denken, welches ein Begreifen verhindert.
So ist gerade für schwerkranke Menschen die Zeit von 3-5 Uhr eine kritische Zeit, da die physiologische Atemfrequenz hier bei vielen Menschen nach der biologischen Uhr am niedrigsten ist. Das Lungensystem badet hier in erhöhter Vitalität, um sich zu regulieren und zu regenerieren.
Für ein seelisches Erleben ist die Zeit um 5 Uhr bekannt dafür, daß dort Menschen mit aktuellen und sie belastenden Sorgen aufwachen. Dies geschieht in einem weit höherem Maße, als es der Zufall erlaubt. So kann bei einer zeitlich wiederkehrenden Symptomatik, die sich beim Menschen einstellt oder verändert, mit Hilfe der asiatischen Organuhr ein Hinweis zur Diagnose vorliegen. Dabei hat das jeweils in der Meridianuhr gegenüberliegende System auch seine Bedeutung. Die Minuszeit meint hierbei die um jeweils 12 Stunden versetzt zugeordneten Funktionskreisläufe, in denen in Relation zu der Flut Ebbe herrscht, ohne daß ein Flußbett nun dabei austrocknet.
Bei der Frage, ob sich die Meridianuhr eines Menschen nach der Zeitumstellung zum Sommer oder Winter jeweils mit ausrichtet oder was bei Reiseflügen über Zeitzonen hinweg passiert, gibt es vielfältige Antworten. Dabei ist immer zu bedenken, daß es sich um Neigungen beim Menschen handelt, die sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Es geht hierbei und in weiteren Beschreibungen der Wandlungen nicht um ein starres Erklärungsmodell. Das Leben läßt sich nicht katalogisieren und in feste Regeln pressen.