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Weisse Geheimnisse. Koreanische Lyrik. Grusswort von Wolfgang Kubin. Deutsch/Koreanisch


Abbildung in Arbeit
Titel:Weisse Geheimnisse. Koreanische Lyrik. Grusswort von Wolfgang Kubin. Deutsch/Koreanisch
Autor:Chongna SEONG Myong Sun
Preis:Euro 19.80
Bestellnummer:71926

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Erschienen am 28. Jänner 2020

Vorliegender Gedichtband ist eine feinsinnige Anthologie, in der sich west-östliche Gedanken und Gefühle begegnen und an einem Ort aufeinander abgestimmt, verwoben und zur Vollendung gebracht werden. Die Melodie dieses zweistimmigen Werks überflügelt das Tal des Bewußtseins zwischen den beiden Welten, sie füllt Höhen und Tiefen der zwei wesensverschiedenen Sprachen und bietet so dem Lauschenden die Möglichkeit zur Kontemplation und Meditation.
Prof. Kim You-Joong Seoul National University, Abt. für Koreanische Sprache und Literatur, Koreanische Literatur, Moderne Lyrik
Übersetzung: Dr. Albrecht Huwe
252 Seiten, 9 Abb., Lesebändchen, geb.

Geleitwort der Autorin
Literatur ist auch eine Methode zur Erinnerung an vergangene Zeiten. Sie wird geschützt als Weg, der uns zu unserer früheren, in Vergessenheit geratenden Sprache führt, sie im Gedächtnis wieder lebendig werden lässt. Literatur ist ein Spiegel, der verdeckte Bilder einer Zeit aufzudecken vermochte. Aus verschiedenen Gründen hat Literatur ihre eigene Funktion und Aufgabe. Das ist es, was ich gelernt habe. Und damit Funktion und Aufgabe erfüllt werden können, habe ich mich in jeder freien Minute dem Verfassen von Gedichten gewidmet.
Schaue nicht zurück, dein Leben liegt vor dir. Dieses Wort aus einer Szene von Ben Hur war Inspiration und hat mich für das Gedicht leben lassen. Gedichte als Blume der Literatur zu hegen und pflegen, bedeutet mir stets Freude und geistige Befriedigung. Dass der Lyriker König der Dichtung sei, hat mir immer Mut gemacht.
Von Rainer Maria Rilke hat ein Gedichtband wie ein buntes Herbstblatt seinen Platz neben meinem Kissen gefunden, wie ein Splitter der Dämmerung ist er tief in mein Herz gedrungen.
Wolken, Einsamkeit, Worte Deiner Lippen,
Herbsttage, Vorahnung, träumende Menschen u.a. sind Augenblicke äußerster Anspannung jenseits aller Zeit, aber auch Augenblicke, in denen ich einen Weg des Herzens gehe. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit.
Gegen die lahmende, unvollständige Erinnerung kämpfte ich an, und mit der Kraft, mich ohne Unterlass selbst und meine Umgebung zu beobachten, erstrahlt durch den verschütteten Ausgang meines Herzens ein Vers als Regenbogen.
Jetzt gegen Ende Winde reicher Jahreszeiten rütteln mich jene aus meiner inneren Leere wieder wach.
Meine älteren und jüngeren Freunde der Literatur und die Gemeinschaft mit ihnen auf dem dornigen Pfad der Literatur, mein Ehemann, mein Sohn und meine Tochter und ihr nie nachlassender Zuspruch lassen in mir vor tiefer innerer Rührung das Gefühl der Sprachlosigkeit aufkommen. Die beständige Wärme schenkt mir Leben.
Von ganzem Herzen danke ich auch Herrn Professor KWON Dae-geun von der Daehan Theological University, Healing Word Therapy Dept., für seine Gesamterläuterung zu den Gedichten vorliegenden Bands und eine gesonderte Besprechung zu dem ersten Gedicht; Herrn Professor Albrecht HUWE von der Universität Bonn, ehemalige Abt. Korean Translation Studies, der in unvergleichlicher Schöpfungskraft eine neue Übersetzungswelt eröffnete, sodass die Gedichte erstmalig aus Korea hinaus nach Deutschland und Österreich gelangen können; Herrn Professor KIM You- Joong von der Seoul National University, Dept. of Korean Language and Literature für seinen mit klarem Blick, hellen Ohren und mit warmherzigen Worten wahrhaft lyrische Knospen eröffnenden Cover-Kommentar; dem Dichter und Professor der Sinologie Herrn Wolfgang Kubin für sein gleichsam in sanften Klaviertönen vorgetragenes, Zuversicht vermittelndes Gratulationswort, Herrn MOON Gwan Hyo (Künstlerpseudonym: Cheong nong) für seine Kalligrafie der ersten Seite des Quellenwerks zur koreanischen Schrift, dem Hunmin cheongeum, die den Odem der Gedichte über die koreanische Hangul-Schrift ungehindert spüren lässt; sowie schließlich der Kunstmalerin KIM Minji, die am Sydney College of the Arts, University of Sydney, im Fach Malerei studiert hat, und mit ihren frischen und einfühlsamen Illustrationen den Wert der Gedichte erheblich zu steigern vermochte.
Ich bin nun eine glückliche Frau, die mit grüner Farbe mit Bedacht das Ausmalen beginnt. Dass dieser Gedichtband, in dem die Reinheit kräftiger, trunken machender Lyrik hohe Wellen schlägt, das Licht der Welt erblickt, erfüllt mich mit Glück.

Grußwort zum Gedichtband Weiße Geheimnisse von Seong Myong Sun

Das alte Teehaus welch ein Gedicht! Knapp und präzise in der Sprache bei gleichzeitig reicher und konkreter Bildhaftigkeit! Auch die Gedichte zur koreanischen Schrift haben ihren eigenen, besonderen Charme!

Als Ostasienwissenschaftler und Autor galt und gilt mein Interesse nicht nur China sondern auch Korea. Korea habe ich öfters zu Lehr- und Forschungszwecken besucht. Ich bewundere dieses Land voller Dynamik. Das gilt auch für seine beeindruckende Lyrik in Geschichte und Gegenwart. Gedichte zu verfassen, zu rezitieren ist dort eine beliebte und angesehene Beschäftigung eine Beschäftigung mit sich und der Welt.

Auch Übersetzen von Lyrik beflügelt diese Beschäftigung. Es trifft uneingeschränkt zu, was Goethe in seinen Maximen und Reflexionen feststellte: Beim Übersetzen muss man bis ans Unübersetzliche herangehen; alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache gewahr. Übersetzen und Schreiben von Lyrik gleicht dem sich gegenseitig fördernden Wechselspiel von Yin und Yang.

Damit Übersetzen allerdings nicht in uferlose Schwärmerei entgleitet, bedarf es eines Rahmens, um das Terrain für das Verständnis abzustecken. Dieser Aufgabe ist der Übersetzer in seinem Kommentar zur Übersetzung in mustergültiger Weise gerecht geworden. So steht einer authentischen Rezeption dieser interessanten Anthologie von Gedichten mit neuen Facetten lyrischen Schaffens in Korea auch außerhalb Koreas nichts im Wege.

Wolfgang Kubin Dichter / Prof. em. Sinologie / Ostasienkunde Univ. Bonn Peking am 2. Juli 2019

Inhalt:
Geleitwort der Autorin
Grußwort von Prof. Wolfgang Kubin, Dichter
Das alte Teehaus
Frühlingssterne
Am Flussufer im Winter
Herbst auf dem Nam-San
Winter auf dem Nam-San
Stimmen des Baumes
Hallo, du Baum!
Die tausendjährige Kiefer
Der Marronnier-Baum
Frühlingsgrüner Lebenstrank
Baum im Winter
Birken
Leben
Buchweizenblüten
Die Bergaster
Feldblumen
Mugunghwa die sich nie erschöpfende Blume I, II
Der alte Kürbis
Flaschenkürbis
Gelber Hibiskus am Meer
Kräutertee aus Deutschlands Osten
Glühwürmchen
Das Kaninchen
Die Bergfeste Namhan
Stadtmauer im Mondschein
Auf dem Alle fünf Tage-Markt
Kiefernpollen-Gebäck
Herzenswünsche für die koreanische Halbinsel
Hangul
Hunmin chongum Belehrung des Volkes in den richtigen Lauten
Königsgeschenk
Hangul der Weltenstern
Hangul auf mächtigen Schwingen
Weißes Versprechen
Teurer Freund
Oraboni hehrer großer Bruder
Auf einmal sich jemand nach mir sehnt
Einfach so I, II
Bin verliebt in den ersten Schnee Bin verliebt auf den ersten Blick
Meine Hand zur Endschuldigung
Auch ich will Herbst machen
Worte, die du mir zuflüstertest
Handgeschriebener Brief
Wenn ich den runden Mond dort anbeißen würde
Gedicht
Berühmte Werke
Wilder Wein als Dichtername
In einem Gesicht
Die Mondsichel
Blumenblüte vor einem Haus
Die Stimmen des Baumes Erläuterung zu den Gedichten von Seong Myong Sun
Das alte Teehaus Gedichtbesprechung (Zusammenfassung)
Mysterium Sprache Mysterium Gedicht: Kleiner Kommentar zur Übersetzung
Cover-Kommentar
Gedichtkommentar: Kweon Dae-Geun
Übersetzungen / Kommentar: Albrecht Huwe
Grusswort: Prof. Wolfgang Kubin

Kleiner Kommentar zur Übersetzung:
Mysterium Sprache Mysterium Gedicht

Zum Dank. Unbeirrt von äußeren Einfüssen steht jener alte ehrwürdige Baum (vgl. das Gedicht Frühlingsgrüner Lebenstrank) fest verwurzelt in der Erde und streckt seine Äste in den Himmel. Sein Lebenszweck ist das Wohl seiner Umwelt. Ganz im Stillen wird sein guter Geist gewirkt und das Erscheinen des vorliegenden, nicht ganz gewöhnlichen koreanisch-deutschen Gedichtbandes ermöglicht haben. Diesem besonderen Projekt angemessen, geht daher zunächst an ihn und alle anderen großen Baumhelden mein aufrichtiger Dank.

Mein zweiter nicht minder aufrichtiger Dank gilt allen an diesem Projekt direkt und indirekt beteiligen Menschen, vor allem zunächst meiner Frau, Sojong, und meiner Familie, für ihr baumgroßes Verständnis, das sie ihrem vom Gedichteübersetzen ganz begeisterten Mann und Vater entgegengebracht haben.
Der gleiche ungeteilte Dank gebührt auch der Autorin Seong Myong Sun, die dem Übersetzer geduldig alle seine mehr oder weniger sinnvollen Fragen erklärt hat; Fragen, aus denen sich beiderseits gewinnbringende Dialoge über die Besonderheiten der Lyrik entwickelten, sodass die hier präsentierten Übersetzungen mit der Zuversicht verbunden sein können, nicht in eine völlig falsche Richtung zu laufen.

Sprachkunstwerk Gedicht. Gedichte stellen erstaunliche, komplexe Sprachkunstwerke dar. Mit ihrer gedrängten, integrativen Sprache schaffen sie Gestalt und Gehalt: Durch Verse und Strophen, Reime, Rhythmen, Klangfiguren im Verein mit verschiedenartigen Bildern, unter Umständen rätselhaften Chiffren, Vergleichen, Metaphern, Symbolen usw. erzeugen sie beim Leser bzw. Hörer Eindrücke, Gefühle, Erinnerungen, Assoziationen usw. und vermögen so die Saiten ansonsten schwer zugänglicher Seelenbereiche zum Schwingen zu bringen. Dass lyrische Sprache eine solche Wirkung entfalten kann, muss auf physiologischen Entsprechungen beruhen. In der Tat berichtet die Gehirnforschung von einem neuronalen Netz, in dem alles mit allem verknüpft wird, Sinneseindrücke mit Seelenzuständen, Freude und Schmerz und eben mit Sprache. Das grenzt an ein Mysterium.

Zur Unübersetzbarkeit von Gedichten. Vor diesem Hintergrund wird das Übersetzen von Gedichten oft als die schwierigste Disziplin des Übersetzens betrachtet, bei der man an Grenzen stoßen kann, die immer wieder die Frage aufwerfen, ob Übersetzen prinzipiell möglich ist. Je nach eingenommenem Standpunkt kann dies mit Ja oder Nein beantwortet werden.
Gedichte sind wie Gefäße mit besonderem Inhalt. Dieser nicht selten zu begegnende Vergleich taugt für das Verständnis des Übersetzens von Lyrik durchaus. Allerdings muss man sich bei diesem Vergleich im Klaren sein, dass hier Gefäß und Inhalt genau genommen zweierlei Dinge verschiedenen Ursprungs sind.
Bei einem Gedicht ist das nicht der Fall. Denn Sprache entspricht zwar dem Gefäß, gleichzeitig kann indessen nur über sie dem Inhalt zu seiner Existenz verholfen werden. Bei einem Gedicht sind also Gefäß und Inhalt nicht zweierlei Ursprungs. Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Das gilt für alle Aspekte eines Gedichts und den Wirkungen auf den Leser und Hörer.
Angesichts dieses an die Sprache gebundenen Wirkungsgefüges lyrischer Elemente kann man von einem streng prinzipiellen Standpunkt aus durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Einmaligkeit eines Gedichts unmöglich in einer anderen Sprache wiederholt werden kann, dass der Inhalt des Gefäßes somit dem Untergang geweiht, somit Übersetzen prinzipiell unmöglich ist.

Aber das ist nur die eine Seite der Wirklichkeit. Wie die Praxis lehrt, hat auch die Zielsprache ihre Mittel und Möglichkeiten, Gefäße zu schaffen, um dem Inhalt einschließlich seiner emotionalen Wirkung zu einer weiteren Existenz zu verhelfen. Zwar geht bei diesem Übertragungsvorgang lyrische Substanz zweifelsfrei verloren, aber es kann auch neue bereichernd hinzukommen.
Der Übersetzer (selbstredend immer natürlich auch die Übersetzerin) wird sich also durch die nur als theoretisch empfundene Frage nach Übersetzbarkeit bzw. Unübersetzbarkeit nicht davor abschrecken lassen, die Übersetzung in Angriff zu nehmen. Die Frage, die er sich stattdessen als eine erste Herausforderung stellt, ist, wie der in die Ausgangssprache eingebettete Inhalt möglichst genau zu erfassen ist, um diesem am Ende durch die Zielsprache zur besagten Existenz zu verhelfen. Oder anders formuliert, welches Mittel steht dem Übersetzer zur Verfügung, um sicherzustellen, dass der Inhalt möglichst genau erfasst, also die hermeneutische Herausforderung bewältigt werden kann?

Die W-Fragen als hermeneutischer Schlüssel. Dieses Mittel besteht in den altbewährten W-Fragen, und zwar in der Form: Wer hat wem, wann und wo, welchen Text wie und schließlich warum und wozu geschrieben?

Die Frage Wer versucht, die individuellen Eckpfeiler des lyrischen Schaffens des jeweiligen Autors zu erkennen.

Zur Person der Dichterin. Die Autorin Seong Myong Sun wurde 1968 im Südosten Koreas geboren. Sie verbrachte als jüngstes Kind eine glückliche, im Kreise ihrer Familie geborgene Kindheit. Der Tod der Eltern warf indessen frühe Schatten. Die Sehnsucht nach der liebevollen, stets emsigen Mutter ist Motiv etwa in den Gedichten Der alte Kürbis, oder Kiefernpollen- Gebäck.

Die politische Großwetterlage im damaligen Korea war bestimmt durch die Militärdiktaturen und anhaltenden Studentenproteste, die mit ungeheuren Mengen Tränengas unterdrückt werden sollten. Im Mai 1980 kam es zu dem dramatischen Massaker von Kwangju. Allerdings, so ist sich die Autorin bewusst, wurde Leben und späteres Werk von diesen großen Ereignissen nicht tangiert.
Diese Feststellung ist für das grundsätzliche Verständnis ihrer Lyrik insofern bedeutsam, als man davon ausgehen kann, dass ihre Natur- und Baumlyrik als solche, und nicht vor einem sozial engagierten, politischen Hintergrund verfasst wurde. Ganz im Gegensatz etwa zu den Baumgedichten von Bertolt Brecht (18981956), in denen ja Bäume Spiegel sind seiner als unglücklich und belastend empfundenen Existenz als ein im Exil lebender Dichter.

Für die spätere Entwicklung als Dichterin ist das Jahr 1989 entscheidend. Sie besucht an der Akademie zur Förderung der Künste und Kultur (Munye chinhngwn) in Seoul Lyrikkurse, die der bekannte Literaturprofessor, -kritiker und Dichter Pak Tonggyu abhält. Diese Begegnung mit ihrem literarischen Lehrer führt zu dem Entschluss, Dichterin zu werden. Sie erinnert sich an ihn als einen aufrichtigen und warmherzigen Menschen: Jedes seiner Worte war wie ein Gedicht.
Pak Tonggyu wird in literarischer Einheit mit seinem als großen Dichter in Korea anerkannten Vater Pak Yngjong gesehen, der bekannter ist unter dem später angenommenen Namen Pak Mogwl. Mogwl Baum und Mond steht gleichsam als Motto für sein literarisches Schaffen. Schlichtheit, Einssein mit der Natur sind Umschreibungen für sein lyrisches Schaffen. Eines seiner bekanntesten Gedichte lautet:

Wanderer

Über Flüsse
Durch Weizenfelder
Wie der Mond in den Wolken Zieht der Wanderer
Sein Weg eine dünne Schnur Dreihundert Meilen nach Süden Dörfer reifender Weine
In jedem brennendes Abendrot Wie der Mond in den Wolken Zieht der Wanderer
(Übers. A. Huwe)

Dass die Dichterin sich in derselben Tradition bewegt, wird schon nach der ersten Lektüre dieses Gedichts von Pak Mogwl deutlich. Aber es gibt durchaus Unterschiede, auf die weiter unten eingegangen werden soll.

Aufschlussreich für ihre Schaffensrichtung, also das Erfassen des Inhalts ihrer Gedichte, erscheint in diesem Zusammenhang auch das Dichterpseudonym, das im Verein mit ihren besten Literaturfreunden zur Charakterisierung ihrer Dichtung ausgewählt wurde (vgl. Wilder Wein als Dichtername).
Es lautet im Koreanischen Chngna. Die Übersetzung Wilder Wein, stellt, fast möchte man sagen überraschenderweise, kein Problem dar, denn diese (dreispitzige) Weinrebenart ist in Korea wie in Deutschland beheimatet. Da auch der lateinische Name mit Parthenocissus tricuspidata jeweils identisch ist, kann man im übersetzungswissenschaftlichen Sinn eine klare Eins-zu-Eins-Entsprechung feststellen. Allerdings trifft das nur auf die Ebene der Grundbedeutungen zu, also die sog. denotative Ebene. (Es gibt natürlich auch den nicht seltenen Fall der sog. Eins-zu-Null-Entsprechung, wobei es einen Begriff zwar in der Ausgangssprache gibt, nicht jedoch in der Zielsprache, z.B. Oraboni in Oraboni hehrer großer Bruder). Die Übersetzung dieses Pflanzennamens im Rahmen eines Fachtextes würde jedenfalls auf keine Schwierigkeiten stoßen.
Im Rahmen eines lyrischen Werks ist indessen die sog. konnotative Ebene von tragenderer Bedeutung, also die Ebene der gleichzeitig mitgedachten, mitempfundenen Bedeutungen und Assoziationen, Bilder, Empfindungen, Erinnerungen usw.

Nicht etwa gefühlstiefe wild-romantische Assoziationen sind für die Autorin mit diesem Pseudonym verbunden, wie man vielleicht vor dem Hintergrund europäischer Lyriktradition annehmen könnte, sondern mit anderen Eigenschaften des Wilden Weins: Die schlichte Schönheit dieser Kletterpflanze, die im zeitigen Frühjahr sich an kahlen hohen Mauern hinaufrankt und mit ihrem noch zarten frischen Grün einkleidet. Und im Herbst verabschiedet sie sich in die kalte Jahreszeit mit ihren leuchtend rot gefärbten Blättergirlanden. Die Selbstlosigkeit, mit der sie die Umgebung zum Gefallen der Menschen verschönt, aber auch die Kraft und Ausdauer, die in ihr zu spüren ist, diese Eigenschaften sind es, die die Autorin sich mit dem Wilden Wein identifizieren lassen.
Erwähnenswert, da kennzeichnend für die Autorin, ist die Tatsache, dass sie oft zu Gedichtrezitationen eingeladen wird, wo sie nicht nur eigene, sondern vor allem auch fremde Gedichte mit Leidenschaft vorträgt. Ihr Wort, dass sie ihr Leben dem Gedicht verschrieben hat, ndet auch hierin seine Bestätigung. Diese offensichtlich gern ausgeübte Tätigkeit leitet über zu den nächsten Fragen, für wen, wann und wo, die Gedichte geschrieben wurden.
Korea ist ein Land, in dem Lyrik kein Mauerblümchendasein fristen muss, wie etwa in Deutschland. Im Gegenteil, Gedichte zu lesen, sich selbst im Verfassen zu üben, ist eine bei Jung und Alt in breiten Schichten der Bevölkerung hoch geschätzte Tugend. So finden sich in den zahllosen U-Bahnhöfen von Seoul an den gläsernen Schutzwänden vor den Gleisen unzählige Gedichte meist von Amateurdichtern. Aber auch auf vielen Versammlungen, Sitzungen, Veranstaltungen von Organisationen, von denen man in Deutschland durchaus kein offizielles Interesse an Lyrik erwarten würde, etwa von Polizei, Militär, öffentlicher Verwaltung usw., werden zur allgemeinen Erbauung Gedichtrezitationen als offizieller Tagesordnungpunkt aufgenommen. Denn Gedichte erst verleihen den gewünschten kulturellen Rahmen und schaffen eine angenehme Atmosphäre, in der sich gut arbeiten lässt.
Es ist somit hinsichtlich der Leserschaft der in diesem Band zusammengetragenen Gedichte anzunehmen, dass sie sich aus Personen verschiedenen Alters und verschiedenen Tätigkeitsbereichen zusammensetzen wird, also ein relativ breites Spektrum der Gesellschaft abgeben wird.
Dieses lebendige Interesse an Lyrik hat natürlich die insgesamt als erfreulich zu wertende Erscheinung zur Folge, dass Jahr für Jahr eine wahre Flut von Lyrikbänden verlegt wird. Der Konkurrenzdruck für Dichter, auf sich aufmerksam zu machen, sich unter den zahllosen Mitstreitern zu behaupten, ist dementsprechend hoch.
Was die einfache Antwort auf die Frage nach dem Wann beinhaltet, so entstammen die meisten der vorliegenden Gedichte der jüngsten Schaffenszeit, nicht älter als die letzten zwei Jahre.

Lyrische Motive und Themen. Die Frage nach dem Was läuft bei Gedichten zunächst auf die Frage nach den lyrischen Motiven hinaus, also den Gegenständen und Erscheinungen, die Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen usw. auslösen. Diese Frage nach den Motiven ist für das Verständnis der Gedichte aufschlussreich und verweist auf die weiteren, die mit Zweck und Anlass der Gedichte im Zusammenhang stehen, die also das Wozu und Warum beleuchten. Aber auch die Frage nach dem Wie ist noch offen.
Schon das Inhaltsverzeichnis mit den einzelnen Gedichttiteln gibt einen ersten Hinweis auf den Baum als ein wichtiges Haupt- und Nebenmotiv: Hallo, du Baum!, Birken, Stimmen des Baumes, Baum im Winter, Die tausendjährige Kiefer, Der Marronnier- Baum.
Auch in den Gedichten Das alte Teehaus,
Handgeschriebener Brief, Die Bergfeste Namhan, Frühlingsgrüner Lebenstrunk u.a. taucht das Baum- Motiv auf.
Blumen und Pflanzen sind weitere Motive, die von der Autorin gerne aufgegriffen werden. Eine Reihe von Titeln weist darauf hin: Buchweizenblüten, Die Bergaster, Feldblumen, Wilder Wein als Dichtername, Mugunghwa die sich nie erschöpfende Blume, Flaschenkürbis u.a.
Aber damit ist die Reihe der Motive nicht erschöpft: Naturerscheinungen wie die aufgehende Mondsichel, Winterkälte, Frühlingserwachen usw. sind zu nennen.
Als Pendant zu den lyrischen Motiven steht im weiten Sinn die Thematik der Gedichte. In Bezug auf das Motiv Baum ist diese sehr breit gefächert.
Der Baum ist mit der Natur enger verbunden als alle anderen Lebewesen: So weit seine Äste in den Himmel ragen, so weit verankern sich seine Wurzeln in der Erde. Er stellt so eine einzigartige, starke Verbindung zwischen Himmel und Erde dar. Diese Verbindung erfährt das lyrische Ich, wird ihrer teilhaftig. Sie spürt die Wesensgleichheit von Baum und Mensch, und erhält mit dessen Hilfe Einblick in die Ordnung der Welt. Seine Sprache ändert sich unwillkürlich.
Es fühlt sich in der Nähe des Baumes verstanden und geschützt. Das Märchen von Aschenputtel drängt sich in die Erinnerung: Das einsame Mädchen wendet sich unter dem Baum an die verstorbene Mutter. Dieser hält schützend seine Arm-Äste über das Kind und beschenkt es reichlich, nimmt so die Rolle der Mutter ein.

Vorliegender Übersetzungskommentar kann nicht der Ort sein für eine annähernd erschöpfende Darstellung der Thematik Baum in dem Werk der Autorin Wilder Wein. In der Weltliteratur sind alle hier kurz angedeuteten bzw. meist ungenannten Topoi zwar nicht neu, für die koreanische Literaturgeschichte mögen sie aber durchaus ein Novum darstellen.

Naturlyirk und ihre versteckten Botschaften. Vom übersetzerischen Standpunkt stellen die Motive aus der Natur- und Pflanzenwelt, vornehmlich Bäume, Blumen, Mondsichel, Steine usw. sowie der Themenbereich Natur kein prinzipielles Hindernis dar. Zu beachten ist freilich im Fall der Naturlyrik die Besonderheit, dass Natur nicht für sich als solche dargestellt wird. Sie wird durch die geistigen Augen des Autors bzw. lyrischen Ichs gesehen und dessen Empfindungs-Perspektive wiedergegeben. Naturlyrik enthält auf diese Weise versteckte Botschaften. Einen ersten Hinweis vermag der Wilde Wein zu geben. Der Übersetzer wird also in diesem Zusammenhang auch die Antworten zu dem Warum und Wozu berücksichtigen müssen.

Kulturspezifika. Weitere Themenbereiche im Werk der Autorin wie Dasein als Frau und Mutter, Sehnsucht, geheime Wünsche, literarisches Schaffen stellen ebenfalls keine grundsätzlichen Schwierigkeiten beim Übersetzen dar, wenn man die u.U. bestehenden kulturellen Unterschiede im Auge behält. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Motive und Themen Kulturgüter im weitesten Sinn darstellen, die nur in der Ausgangskultur existieren, etwa die Bergfeste Namhan. In diesen Fällen wurden an den Anfang in Form einer Fußnote die kulturellen Gesamtzusammenhänge für den Leser der Übersetzung erklärt. Ansonsten sind Fußnoten innerhalb des Gedichttexts aufgrund der wirkungsorientierten Übersetzungsweise (vgl. weiter unten) eher Tabu (eine Ausnahme bildet Mugunghwa die sich nie erschöpfende Blume II.)
Im Fragenkatalog ist die aufschlussreiche Frage Was noch unvollständig und die nach dem Wie und Warum/ Wozu noch gar nicht beantwortet.

Dinggedicht als bevorzugte Gedichtform. Bei Was wird nicht nur nach Motiven und Themen sondern weiter nach den Gedichtformen gefragt. Hier fallen vor allem die sog. Dinggedichte auf, für die Rainer Maria Rilkes Der Panther ein viel zitiertes Beispiel als Vorreiter dieser Gedichtsorte darstellt. Die Dichterin verleiht Dingen, die über keine für Menschen vernehmbare Sprache verfügen, ihre Stimme, erklärt ihr Wesen, ihren tieferen Sinn, etwa in Mugunghwa die sich nie erschöpfende Blume, Flaschenkürbis, Buchweizenblüten, Hangul, Hunmin chongum Belehrung des Volkes in den Richtigen Lauten u.a. Die Bevorzugung dieser Gedichtsorte scheint kennzeichnend für ihre dichterische Einstellung zu sein.

Lyrische Sprache. Hinsichtlich Sprache und Form sind die Gedichte keinen tradierten Mustern unterworfen. Sie orientieren sich in frei formulierten Strophen nach dem Inhalt. Äußerlich fällt zunächst auf, dass im Gegensatz zu dem oben zitierten Gedicht Der Wanderer von Pak Mogwl kein sinokoreanischer Wortschatz, also schriftsprachlicher Stil, verwendet wird, sondern Wörter rein koreanischer Herkunft. Die Autorin trägt damit zur Verfestigung einer Sprachentwicklung der letzten Jahrzehnte bei, die der Verwendung des rein koreanischen, sprachästhetisch voll befriedigenden Wortschatzes den Vorzug gibt.
Mit der Behandlung des Was ist die Frage nach dem Wie eng verwoben. Hier sind für den Übersetzer die größten Schwierigkeiten zu erkennen, denn die Sprache schafft wie gesagt Gestalt und Gehalt zugleich.

Strukturelle Sprachunterschiede als übersetzerische Herausforderung. Die Sprache der Gedichte ist klar, präzise und ausdruckstark, manchmal hoch komprimiert und metaphorisch, also Sinneseindrücke verschmelzend. Auch Sätze, die über mehrere Strophen gehen, sind nach koreanischen Begriffen klar strukturiert.
Von den zahlreichen Beispielen für die sprachliche Schaffenskraft der Autorin seien nur zwei herausgegriffen. Vermittelt durch die sprachliche Form sieht man in Kräutertee aus Deutschlands Osten vor dem geistigen Auge ganz deutlich die im frisch aufgegossenen heißen Teewasser zum Tassenboden abwärts kreiselnden Blütenblätter. Und in Meine Hand zur Entschuldigung, wo dem lyrischen Ich sich die Worte versagen, da wird durch die Formulierungsweise der Eindruck vermittelt, als fehlten hier tatsächlich Worte.

Eine besondere Herausforderung beim Übersetzen insbesondere solcher Textstellen besteht in der Tatsache, dass die beiden Sprachen Koreanisch und Deutsch, vereinfacht ausgedrückt, entgegengesetzte Strukturen aufweisen. So verlaufen auch die Gedankengänge z.T. konträr. Das erfordert beim Übersetzen u.U. schmerzliche Umstellungen in der Wort- und Gedankenfolge, oder hat Zerstückelung von Sätzen zur Folge.
Damit erschöpfen sich die sprachbedingten Schwierigkeiten beim Übersetzen noch nicht. Das Koreanische kennt Personalpronomen fast kaum. Artikel wie im Deutschen existieren nicht, sodass eine Unterscheidung zwischen sächlich, weiblich und männlich völlig unbekannt ist. Satzeichen wie Komma und Punkt sind im Koreanischen eigentlich ein Importgut aus westlichen Sprachen. Satzzeichenfunktionen übernehmen bestimmte Konjunktionen und Endungen. Die Autorin folgt dieser Tradition der koreanischen Sprache, sodass in ihren Gedichten Satzzeichen nur vereinzelt anzutreffen sind. Ihre lyrische Sprache ist wie von unnötigem Ballast befreit sublim. Dagegen machen die im Deutschen oft unverzichtbaren Personalpronomen, Artikel und Satzzeichen die Übersetzungen steif und schwerfällig.

Übersetzungsziel: Wirkungskonstanz. Wenn der Übersetzer wie im Fall der vorliegenden Gedichtübersetzungen als Übersetzungsziel festgelegt hat, dass die ursprüngliche Aussage bzw. Wirkung auch in der Übersetzung erhalten und vermittelt werden soll, dann werden die Antworten auf die Frage Warum/Wozu Richtschnur seiner Übersetzung sein. Er ist dann geradezu gehalten, den Gesetzmäßigkeiten der Zielsprache den Vorrang zu geben und Änderungen aufgrund der anderen Sprachstruktur zu akzeptieren. (Allerdings sehen das nicht alle Übersetzer so. Berühmte Übersetzer wie Friedrich Schleiermacher, 17681834, plädieren ausdrücklich für die Übernahme fremder Elemente in die Zielsprache.)
Jeder gewissenhafte Übersetzer weiß um das Loyalitätsverhältnis zum Ausgangstext. Darum wird er trotz aller entgegenwirkenden Zielvorgaben bemüht sein, die Elemente des Ausgangstexts soweit wie möglich zu erhalten.

Zur Botschaft der Naturlyrik. In dem Gedicht Das alte Teehaus schafft die Autorin nur mit wenigen Strophen und darin ist sie eine wahre Meisterin eine kleine, in sich geschlossene, friedvolle Welt im Teehaus mit der betagten Kiefer im Innenhof. Man hört förmlich das eifrige Tschilpen der Spatzen. Aber das Gedicht endet mit einer überraschenden Aussage: Tschilpen indessen tun nur die Menschen!
Wir Menschen tun das Spatzentschilpen mehr oder weniger als Lautäußerungen ohne weiteren Sinn ab. Nach der Aussage des Gedichts ist indessen das Reden der Menschen ein sinnloses Geplapper. Wir Menschen sprechen nicht die Sprache der Natur, wie sie allerdings die Spatzen und auch die Bäume sprechen.
Es heißt in dem Gedicht: Zeiten geteilter Leiden und Freuden / Obwohl knorrig und gebogen / Geselliger Blumenhof von Himmel und Vögeln. Es ist die traute Geselligkeit von Blumen, Himmel und Vöglen, ohne den Menschen! Hier deutet sich an, was in dem Gedicht Die Bergfeste Namhan noch deutlicher angesprochen wird: Die Bäume und mit ihnen die Natur nehmen Anteil am Leid der Menschen, krümmen sich unter dem, was die Menschen untereinander und mit der Natur anrichten, versuchen aber dennoch Ausgleich zu schaffen, um Leben weiter zu ermöglichen.
Diese Botschaft ist es, die aus der Naturlyrik der Autorin Wilder Wein spricht. Sie formuliert dies folgendermaßen: Was die Kraft anlangt, mit der Menschen Menschen bewegen können, so muss man über die Grenzen des Wissens hinaus die Stimmen der Natur fühlen können, und dazu mit Liebe leben. Das ist unsere, vom eigenen Ich ausgehende Aufgabe und ein erstrebenswertes Leben. Diese Botschaft habe ich mich bemüht, den Lesern zu vermitteln.

Welch einen wohltuenden Anblick bieten die strahlenden Herbstmorgen Koreas: Sattes, lebenskräftiges Grün der Kiefern vor dem klaren, leuchtend blauen Himmel! In dem Geist, der die Autorin die Welt in diesem klaren, reinen Blau und Grün anmalen lässt, konnte auch die Übersetzung ihrer Gedichte begonnen werden.

Privatdozent Dr. Albrecht Huwe Universität Bonn, ehem. Abt. Korean Translation Studies

Die Autorin
SEONG Myong Sun
Lyrikerin, Kinder- u. Jugendbuchautorin, Lyrik-Rezitatorin,
Leitende Dozentin für Lyrik-Rezitation des Heeres,
Leiterin der Kunstschule der Stadt Suweon (mehrfach),
Mitglied der Korean Writers Association für die Entwicklung humanistischen Gedankenguts,
Mitglied des PEN International Korean Center für PR, Repräsentantin des Literatur Forums der Provinz Gyeonggi (aktuell) Ständige Direktorin des Teams für Sozialarbeit der Firma ACE Chemical (aktuell),
Hwang Geum-chan-Literaturpreis,
9. Korea Farm village-Literaturpreis,
Künstlerpreis der Stadt Suweon,
Lyrikbände: Zeitreise, Stimmen des Baumes, Weiße Geheimnisse

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